Am Anfang war das Licht. Und dann kam sofort irgendein Beamter, um es zu regulieren.
Ich erinnere mich an nichts. Und genau das macht mich misstrauisch.
Geboren wurde ich - angeblich - in einem Krankenhaus, das für seine kalte Neonbeleuchtung und emotionslose Gynäkologen bekannt war. Es roch nach Desinfektionsmittel und leeren Versprechen.
Die Hebamme nannte mich „ein stilles Kind“. Später stellte sich heraus, ich hatte einfach keinen Bock.
Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich in einem Zustand, den man heute als „prätraumatische Unschuldsverklärung“[¹] bezeichnen könnte - ein Begriff, den ich erfunden habe, weil es sich klüger anhört, als zu sagen: Ich hatte keinen Plan, aber wenigstens auch keine Verantwortung.
In dieser Phase glaubte ich noch, dass Erwachsene wüssten, was sie tun.
Ich glaubte an den Weihnachtsmann. Ich glaubte an das Gute im Menschen. Ich glaubte, dass Zahnpasta wirklich vor Karies schützt.
Kurz: Ich war verloren - im besten Sinne. Ein kleines Wesen in einer großen Welt, voller Fragen und blindem Vertrauen. Ein Opfer der Hoffnung, bevor ich überhaupt wusste, was Hoffnung kostet.[²]
Doch manche Dinge ahnt man - auch ohne Erinnerung. Ich weiß zum Beispiel:
Ich wollte zu früh raus. Dann - als alles bereit war - wollte ich plötzlich gar nicht mehr.
Ein klassisches Missverständnis zwischen mir und der Realität. Man nannte es „Geburtsverzögerung“. Ich nenne es: die erste Verweigerung.
Als ich schließlich kam, sah ich aus wie ein Eskimo. Dichte Haare, leicht geschwollene Lider, skeptischer Blick - als hätte ich auf dem Weg durch den Geburtskanal bereits gelernt,
dass Vertrauen keine gute Idee ist.
Dann geschah das, was nur in deutschen Krankenhäusern gleichzeitig möglich und undenkbar ist:
Die pharmazeutisch-technische Assistentin, zuständig für die Etikettierung der Blutproben[³],
hatte einen schlechten Tag. Vielleicht war es das Kantinenbrot. Vielleicht das Neonlicht.
Vielleicht war es einfach Menschlichkeit im falschen Moment.
Jedenfalls - sie riss das Etikett ab. Ein kleiner Papierstreifen, der entscheiden sollte, wer ich bin.
Und plötzlich wusste sie nicht mehr, welches Baby welches war. Vier Neugeborene, alle mit dunklem Haar und vagem Blick. Einer davon war ich. Wahrscheinlich. Sie entschied nach Gefühl.
„Ich hatte das Gefühl, dieser hier hieß Vincent.“
Und es blieb dabei. Ich bekam mein Etikett zurück. Ob es je zu mir gehörte, weiß ich nicht.
Aber ich habe es getragen. Bis heute. Ein Etikett voller Zweifel. Ein Name, der flackert wie das Licht am Anfang.
Protokollauszug - Ethikkommission HEGBiFoKo™
Hausinterne Ethikkommission für Geburtsidentität und Bioformalkorrektur (HEGBiFoKo)
Sitzung Nr. 24.1b - Fall: V. Flink / Identitätskonflikt bei Geburt (Etikettierungsfehler)
Datum: [geschwärzt]
Ort: Besprechungsraum 2.OG, Station Neon C
Vorsitz: OMR Dr. rer. biol. hum. Hartmut Nestelmeier
Verlauf:
Die pharmazeutisch-technische Assistentin [Name unkenntlich gemacht] wird befragt zum Etikettenverlust vom mutmaßlichen Geburtstag des Subjekts "Vincent".
Aussage:
„Es war Dienstag. Ich hatte Kopfschmerzen. Ich dachte, das Kind sieht aus wie ein Vincent.“
Bewertung:
Die Kommission erkennt eine „emotionale Improvisationsleistung im Grenzbereich administrativer Belastung“ an.
Dennoch bleibt die korrekte Blutprobenzuteilung „strukturell nicht rekonstruierbar“.
Entscheidung:
· Identitätsvermutung bleibt bestehen.
· Fall wird aus psychodiagnostischer Perspektive als „latente Inkarnationsverwechslung™“ klassifiziert.
· Weitere Nachverfolgung nicht erforderlich.
Vermerk:
„Aktenlage abschließend. Vertrauen in die Etikettierkraft bleibt eingeschränkt.“
[Unterschrift fehlt]
Glaskugel-Moment™
Vielleicht war schon dieser verlorene Papierstreifen der erste Riss. Ein Etikett, das nicht kleben wollte, und ein Blick, der nie ganz parallel lief. Die Welt begann für mich nicht mit Einheit, sondern mit Verwechslung. Und vielleicht war genau das der Auftrag: durch das Risshafte zu lernen, was Ganzheit wirklich bedeutet.
Fußnote[¹]: „prätraumatischen Unschuldsverklärung“
Prätraumatische Unschuldsverklärung (kurz: PUV, ICD-Vorstufe: T00.0) bezeichnet den geistig-emotionalen Schwebezustand vor dem Erstkontakt mit den systemischen Zumutungen der Realität.
Typische Symptome: Glaube an Struktur, Autorität und Zahnpasta. Die PUV ist nicht heilbar, nur überformbar - meist durch eine Kombination aus Kindergarten, Behördenpost und unerklärlich schlechter Laune von Erwachsenen. Therapieansätze: frühe Ironie, stille Wut oder szenisches Rückverdrängen. In besonders schweren Fällen wird das Kind später Schriftsteller.
Fußnote[²]: Spoiler
„Hoffnung kostet mehr als ein Bio-Bananen-Smoothie in Berlin Mitte.“
Fußnote [³]: Blutprobe / Blutgruppenzugehörigkeit™
Die Blutprobe wurde nie korrekt zugeordnet. Im Archiv des Krankenhauses liegt bis heute ein Röhrchen mit der Aufschrift: „? (m) / mutmaßlich Dienstag“ Erste bekannte Gruppenzugehörigkeit (vermutet): Blutgruppe A Rh pos. (D pos.). Irreguläre Antikörper: nicht nachweisbar. Individuelle Identität: bedingt rekonstruierbar. [Verdachtsmoment: postnataler Batatschuk™ infolge administrativer Desynchronisation]
Erkenntnisschatten™ zu Kapitel Zero
„Vielleicht war ich nie der, für den sie mich hielten. Vielleicht bin ich das Ergebnis eines Etiketts, das zu früh fiel und zu spät aufgeklebt wurde. Aber vielleicht war genau das der erste Akt von Freiheit: nicht sicher zu sein, wer man ist - und es trotzdem zu wagen, sich selbst zu erzählen.“